Donnerstag, 15. Oktober 2015

Bremer Vulkan - oder was ich beim Planspiel Börse gelernt habe

Vor kurzem ist eine neue Auflage des Planspiels Börse gestartet. Das Planspiel Börse ist ein Wettbewerb der Sparkassen, bei dem Teams von Schülern und Studenten mit einem fiktiven Startkapital und einer Auswahl von Wertpapieren an der Börse handeln können. Die Sparkassen richten das Planspiel jährlich aus. Schüler und Studenten sollen dadurch spielerisch Kenntnisse über die Börse und das Wirtschaftsgeschehen erwerben. Eigentlich wäre das Planspiel Börse die beste Gelegenheit, schon in der Schule etwas über die Zusammenstellung eines Wertpapierportfolios oder zum langfristigen Kapitalaufbau mit Aktien zu lernen. In meiner Erinnerung verbinde ich das Börsenspiel jedoch vor allem mit der Bremer Vulkan AG. Und das kam so: 

Das Team

Das Planspiel Börse war während meiner Schulzeit im Jahr 1995 mein erster Kontakt mit Aktien und Börse überhaupt. Ich nahm in einem Team mit drei weiteren Schülern teil. Von Aktien hatten wir zwar keine Ahnung. Aber immerhin stammte ein Teammitglied aus einer Unternehmerfamilie, so dass wir uns ausreichend kompetent und siegessicher fühlten.

Die Spielregeln

Während die anderen Teams schnell loslegten und die ersten Aktien erwarben, waren wir lange ratlos, welche Aktie denn nun die besten Gewinnchancen versprach. Die Spieldauer von Oktober bis Dezember, insgesamt nur zehn Wochen, verstrich. Irgendetwas mussten wir kaufen, denn wer nicht mindestens drei Wertpapieraufträge erteilte, wurde nach den Spielregeln disqualifiziert.


Der heiße Tipp

Schließlich fragten wir unseren Wirtschaftslehrer nach einem Tipp. Der - ein überzeugter Norddeutscher - empfahl uns eine Spekulation mit Aktien der Bremer Vulkan Verbund AG (527100). Wahrscheinlich werden sich nur ältere Menschen wie ich an dieses Schiffbauunternehmen erinnern, dessen Aktienkurs im Herbst 1995 wegen Zahlungsschwierigkeiten abstürzte. Unser Lehrer meinte, der Staat werde das Unternehmen retten und dann würde sich der Aktienkurs rasch erholen. Gesagt, getan. Der Mitarbeiter in der örtlichen Sparkassenfiliale führte unsere Kaufaufträge persönlich aus - Internet hatten wir noch nicht.

Das Ende der Geschichte

Bekanntermaßen rettete der Staat die Bremer Vulkan AG nicht. Der Aktienkurs fiel bis zum Ende des Planspiels Börse und danach noch weiter ins Bodenlose. 1996 ging das Unternehmen in Insolvenz. Unser Startkapital war fast vollständig vernichtet worden. Von Aktien hatte ich für lange Zeit genug.

Was habe ich beim Planspiel Börse also tatsächlich gelernt?
  • Die Börse ist ein Glücksspiel.
  • Es geht darum, möglichst hohe Kursgewinne einzufahren.
  • Dazu muss man zum richtigen Zeitpunkt kaufen und verkaufen.
  • Der ganze Prozess muss möglichst schnell gehen. 
  • Man braucht spezielles Wissen, um (vielleicht) Erfolg zu haben.
  • Aktien sind deshalb keine geeignete Form der Geldanlage.
  • Ich lasse besser die Finger davon.
Nichts von dem, was mir Schule und Sparkasse beim Planspiel Börse im Rahmen ihres öffentlichen Bildungsauftrags (!) beigebracht haben, hat mir auf meinem weiteren Weg in finanziellen Dingen geholfen. Ich habe mich für viele Jahre von Aktien ferngehalten, stattdessen weniger gute Geldanlagen gewählt und somit auf mögliche stärkere Vermögenszuwächse verzichtet.

Ein Vorschlag

Wie wäre es, wenn die Sparkassen die fiktiven Depots unbefristet einrichten würden? Jedes Jahr während der aktiven Spielzeit wird ein Depot von einem neuen Team übernommen. Das Team kann mit Wertpapieren handeln, muss aber nicht. Ziele des Spiels sind eine Analyse des Portfolios sowie Erhalt und Wertsteigerung des Depotvermögens. Die Dividendeneinnahmen werden mit berücksichtigt. Außerhalb der aktiven Spielzeit bleiben die Depots unangetastet.

Schon nach wenigen Jahren wäre der entscheidende Erfolgsfaktor der Vermögensbildung mit Aktien erkennbar, nämlich der Anlagezeitraum. Hektische Depotumschichtungen würden nichts bringen, eher der Austausch einzelner riskanterer Aktien in langfristig bewährte Qualitätsunternehmen. 

Natürlich wäre ein solches Planspiel Börse bei weitem nicht so aufregend. Aber genau darauf kommt es für den langfristigen Börsenerfolg an: Ruhig überlegen, wenige einfache Entscheidungen treffen und viel Geduld haben. Ob diese Anlagegrundsätze in den Schulen und Sparkassen auch bekannt sind? Daran zweifle ich. Deshalb bleibt nur, sich so früh wie möglich eigenverantwortlich um eine Anlagestrategie zu kümmern.



Kommentare:

  1. Sehr guter Artikel! Auch in unserer Kleinstadt veranstaltet die örtliche Sparkasse jedes Jahr das Planspiel Börse.

    Ich verfolge dann jedes Jahr die dazugehörigen Zeitungsartikel in unserem Provinzblatt und rege mich jedes Jahr aufs Neue auf. Denn als Fazit wird immer wieder verbreitet, dass man von Aktien als Privater besser die Finger lässt. Es fallen in jedem Artikel Begriffe wie Glücksspiel, Zockerei und Spekulation. Stattdessen solle man sich lieber an die "Experten" der Sparkasse wenden... jedes Mal zum Haare raufen.

    Sehe das genau wie du: Man hätte an dieser Stelle echt die Chance den jungen Leuten den Umgang mit Aktien beizubringen. Daran hat aber weder die Sparkasse noch die Schule ein Interesse. Reine Promoveranstaltung der Sparkasse...

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  2. Sehr guter Artikel, danke.

    Anstatt den Teilnehmern beizubringen, dass sie sich mit einer Aktie an einem realen Unternehmen beteiligen, wird ihnen beigebracht, dass es nur auf den schnellen Euro ankommt. Tatsache ist, dass die Banken mehr Gebühren kassieren, wenn viel getradet wird. Diese Tatsache erklärt eigentlich alles.

    Die weit verbreitete Ansicht, dass man nur dann ein guter Trader ist, wenn man innerhalb kürzester Zeit den Einsatz verdoppelt, wird noch verstärkt. Langweilige 7-10% p.a. reichen nicht. Dabei ist das das ganze Geheimnis.

    Ich habe mal eine Studie gelesen mit dem Ergebnis: über 80% aller Daytrader haben nach einem Jahr ihr Startkapital verspielt. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber kann mir das gut vorstellen.

    Tom

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  3. @Anonym und Tom: Danke für die positiven Rückmeldungen!
    Ich möchte noch anmerken, dass ich im Prinzip nichts gegen die Sparkassen habe, die engagieren sich oft vor Ort und sind ein bedeutender Ausbilder. Umso unverständlicher finde ich das Planspiel Börse. Wenn die Sparkassen da vernünftige Grundlagen zu Aktien vermitteln würden, wäre das eine gute Werbung und würde ihnen vielleicht ein paar zukünftige Langfristaktionäre als Kunden bringen. Dagegen werden sich Zocker und Daytrader in der Regel ohnehin für eine andere Bank entscheiden.

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