Freitag, 19. Mai 2017

Die Börse ist wie Baseball



Keine Sportart finde ich so verwirrend wie Baseball. Vor ein paar Jahren habe ich einmal ein Match in den USA besucht. Gleich zu Beginn ermahnt mich ein Sitznachbar, ich solle gefälligst meine Kappe abnehmen, wenn die Nationalhymne gespielt wird. Die Nationalhymne bei einem gewöhnlichen Ligaspiel? Seltsam. Außerdem bin ich doch gar kein Amerikaner. Egal. Angestrengt versuche ich, dem Spielverlauf zu folgen.


Los geht's. Ein Pitcher will den Ball zu seinem Catcher werfen. Dazwischen steht allerdings der Batter mit seinem Schläger. Tatsächlich, er trifft! Ich klatsche. Mehrere Zuschauer drehen sich um und werfen mir kritische Blicke zu. Ups, das war wohl die gegnerische Mannschaft. Wie soll man sich hier aber auch auskennen? Schon das Spielfeld im Form eines Viertelkreises ist mir ein Rätsel. Und warum rennt der Spieler dort jetzt los und alle jubeln? Es ist doch gar nichts passiert. Na gut, wenn alle klatschen, dann mache ich es eben auch. So geht das stundenlang. Irgendwann gebe ich auf und verlasse entnervt das Stadion. Draußen gibt es ohnehin viel interessantere Dinge zu entdecken.


Im Grunde genommen geht es am Aktienmarkt genauso zu wie beim Baseball. 


Als Kapitalanleger sitzt man auf der Tribüne und beobachtet, was auf dem Börsenparkett passiert. Die Aktienkurse bewegen sich vollkommen unvorhersehbar nach oben oder nach unten. Die Anleger lassen sich mitreißen. Keine Spur von klaren Spielregeln. Die Stimmung schwankt zwischen irrationalem Überschwang und tiefer Depression. Am besten scheinen ein paar Experten Bescheid zu wissen. Erfahrene Fondsmanager, gewiefte Trader, dauerpräsente Börsengurus. Aber wer denen folgt, ist meist sein Geld los und hat von der Börse erst mal genug.

Anstatt der Masse hinterher zu rennen oder fragwürdigen Tipps zu folgen, ist es doch viel sinnvoller, sich eine eigene Strategie zurecht zu legen. An der Börse wie beim Baseball. Der frühere Baseballspieler Ted Williams hat ein Buch dazu geschrieben, "The Science of Hitting". Das Werk aus dem Jahr 1971 ist eines der Lieblingsbücher von Warren Buffett. Williams war Schlagmann und berechnete nach Analyse seiner Stärken, welches Ergebnis er bei 77 verschiedenen Wurfvarianten voraussichtlich erzielen konnte. Seine wichtigste Schlussfolgerung daraus lautete, geduldig auf die Bälle zu warten, die in seiner bevorzugten "Happy Zone" ankamen und von denen er wusste, dass er sie mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr gut treffen würde. Andere Bälle schlug er nur, wenn es die Spielsituation erforderte. Mit dieser einfachen - frei übersetzt - Lehre vom richtigen Schlag gelang Ted Williams eine der erfolgreichsten Karrieren in der Baseballgeschichte.  


Was können wir als Kapitalanleger an der Börse daraus lernen?

Finde heraus, was für dich funktioniert.
Das können unterschiedliche Strategien sein. Vielleicht eine Value- oder eine Turn-Around-Strategie. Es können auch unterschiedliche Anlageinstrumente sein, zum Beispiel ETFs oder Small-Cap-Aktien. Für mich funktionieren langfristige und breit gestreute Investitionen in dividendenzahlende Blue-Chip-Aktien mit angemessener Bewertung am besten. Damit fühle ich mich sicher. Das ist meine Happy Zone. Das Erfolgsgeheimnis von Ted Williams im Baseball wie für Investoren an der Börse ist es herauszufinden, was für einen persönlich funktioniert. Das dauert, aber wer sein Kerngebiet einmal festgelegt hat und sich darauf konzentriert, wird auf Dauer überdurchschnittliche Ergebnisse erzielen.

Vermeide, was nicht funktioniert.
Welchen vernünftigen Grund gibt es, die eigene Wohlfühlzone zu verlassen? Richtig, keinen. Ted Williams wusste genau, dass seine Erfolgswahrscheinlichkeit sinken würde, wenn er Bälle außerhalb einer klar definierten bevorzugten Flugzone schlug. Wenn ich mich nicht manchmal hätte allein von hohen Dividendenrenditen blenden lassen und konsequent meine konservative Anlagestrategie durchgehalten hätte, dann wäre mein Depotwert höher als er heute ist. Erfolgreiche Investoren vermeiden mittelmäßige und schlechte Geschäfte. Sie warten geduldig auf die richtige Gelegenheit in ihrem Kerngebiet, ihrer Happy Zone.    

Auf Zack sein und zuschlagen.
Wenn wir auf die Grafik von Ted Williams schauen, ist der rote Bereich mit der höchsten Erfolgswahrscheinlichkeit relativ klein. Williams war immer vorbereitet, um die wenigen Bälle, die in dieser Happy Zone ankamen, mit aller Kraft zu schlagen. Solche Gelegenheiten als Investor zu erkennen, ist eine Kunst. Da hilft nur, sich auf sein Kerngebiet zu konzentrieren und Kompetenz aufzubauen. Und keine Kraft und kein Geld auf tägliche Finanznachrichten und neueste Anlagetrends zu verschwenden. Denn im entscheidenden Moment gilt es, in die gefüllte Cash-Reserve zu greifen und kraftvoll zuzuschlagen. Zugegeben, an dem Punkt muss ich wahrscheinlich das ganze Leben arbeiten. Aber mit der Zeit wird es immer besser. Irgendwann bin ich dann vielleicht so gut wie Ted Williams im Baseball. Beziehungsweise wie Charlie Munger an der Börse.

Bei welchen Aktien ich zuletzt kraftvoll zugeschlagen habe, schreibe ich im nächsten Artikel.

Kommentare:

  1. Ich finde Cricket noch verwirrender :-) Kenne das von dir genannte Buch zwar nicht, dafür aber diverse Artikel eines gleichnamigen Autors bei Gurufocus (ein Buffett-Jünger).

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hurling könnte ich noch anbieten, das ist auch nicht ohne! Die Seite Gurufocus nutze ich gar nicht, aber danke für den Hinweis.

      Löschen
  2. Mal wieder sehr unterhaltsam geschrieben. Die Parallele zum Baseball und deine gesammelten Erfahrungen im Stadion sind allemal lesenswert. :)

    Eine kleine Kunst ist auch zu verstehen, wann man seine Komfortzone gefunden hat, die einem das beste Ergebnis aus Risiko zu Rendite liefert. Sich zu früh auf etwas festzulegen ist genauso verkehrt, wie ständig was neues auszuprobieren. Tja, die goldene Mitte eben. Da ich von Baseball ebenfalls nichts verstehe, an dieser Stelle leider keine Analogie.

    Lieben Gruß!

    Torsten

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Deine Einschätzung zur Komfortzone kann ich voll bestätigen. Ich habe meine Dividendenstrategie auch nicht von Anfang an verfolgt und steuere mit wachstumsstärkeren Aktien und kleineren Werten immer mal wieder ein wenig nach.

      Löschen
  3. Ein sehr schöner Vergleich. Meine Komfortzone habe ich gefunden, allerdings arbeite ich noch an meiner Trefferquote. Ob ich die noch verbessern kann, weiß ich nicht. Vielleicht habe ich auch einfach keine Lust mehr, da ich mit meinen Ergebnissen ganz zufrieden bin.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Interessanter Gedanke. Ich bin davon überzeugt, dass wir uns durch die anhaltende Beschäftigung mit Anlagethemen und zunehmender Erfahrung automatisch weiter verbessern. Buffett und Munger haben im Laufe der Jahrzehnte so viel Wissen und Kompetenz angesammelt, dass die Wahrscheinlichkeit richtiger Entscheidungen stetig gestiegen ist, was wiederum zu immer besseren Ergebnissen für Berkshire führt. Ich würde daher sagen, eine bessere Trefferquote ist für dich quasi vorprogrammiert!;-)

      Löschen