Dienstag, 23. Januar 2018

Klartext, Charlie!

Ein aufmerksamer Leser meines Blogs hat mir kürzlich folgenden Kommentar geschrieben:

"Hallo Charlie, 

deine letzten Beiträge haben mich etwas verwundert und überrascht. Bisher hast du auf mich stets einen sehr überlegten und in sich ruhenden Eindruck gemacht. Deine gesamte Anlagestrategie ist schlüssig und hat Vorbildcharakter. (...)

 
Deine letzten Entscheidungen sind für einen Dritten nicht nachzuvollziehen. Sowohl die Auswahl der beabsichtigten Rauswurfaktien hat mich überrascht, als auch die Nachkaufentscheidung und der Weg dorthin. 

Ursprünglich hast du beabsichtigt, SES nachzukaufen und hierzu eine ausführliche und plausible Analyse geschrieben. Davon ist jetzt keine Rede mehr. In der Folge hast du eine Aufzählung veröffentlicht und u.a. SES und APA Group zur Diskussion für einen Verkauf gestellt - zwecks Verkleinerung deines Depots. 
Nun hast du die genannten Werte veräußert und u.a. APA nachgekauft, obwohl diese ja eigentlich auf der potentiellen Verkaufsliste stand.
Sei mir nicht böse, aber eine rationale Entscheidung liest sich anders.

Wäre bei den Verkäufen es nicht wesentlich interessanter gewesen, Werte mit geringer Dividende wie z.B. Nike zu verkaufen? Mag ja sein, dass sie eine hohe Steigerung jährlich hat. Für ein Monatseinkommen ist sie m.E. gänzlich ungeeignet."


Vielen Dank für diese offene und ehrliche Meinung. Gerade solche kritischen Kommentare helfen mir, den Blog und meine Anlagestrategie weiter zu verbessern. Ich will deshalb versuchen, meine Entscheidungen nochmals klarer und transparenter zu erklären.

Ausgangspunkt war die Überlegung, mein Aktienportfolio mit 51 Werten zu vereinfachen und zu verkleinern. Denn erstens kann ich mein langfristiges Ziel eines verlässlichen und steigenden Zusatzeinkommens aus Dividenden mit weniger Aktien genau so gut erreichen. Und zweitens interessiere ich mich auch für die dahinter stehenden Unternehmen und Geschäftsmodelle, denen ich zumindest im Groben folgen können möchte. Deshalb stoße ich schon rein zeitlich an eine zahlenmäßige Grenze der möglichen Aktien. Es haben sich zwar auch Leser gemeldet, die 80 und mehr Anlagepositionen besitzen. Ich denke aber, dass für mich 40 bis 45 Aktien ein vernünftiger Kompromiss eines noch überschaubaren und doch diversifizierten Depots wären.

So weit, so gut. Die Auswahl möglicher Verkaufskandidaten nach der aktuellen Marktkapitalisierung hat dann bei vielen Lesern Unverständnis hervorgerufen. Dabei habe ich schon in einigen Beiträgen geschrieben, dass ich mich mit großen und bekannten Blue-Chip-Aktien sicherer fühle als mit kleinen Nebenwerten. Eine erste Filterung nach Depotwerten mit geringer Marktkapitalisierung lag daher auf der Hand. Ganz nebenbei bemerkt: Wenn mein Depot einen marktgewichteten Index mit 50 Standard-Dividendenaktien nachbilden würde, dann würde regelmäßig genau das Gleiche passieren. Der Indexanbieter entfernt in einem festgelegten Intervall Aktien unterhalb einer definierten Marktkapitalisierung aus dem Index und in der Folge müssen alle Index-ETFs genau diese Aktien verkaufen. Ich finde es sehr aufschlussreich, dass ich für etwas kritisiert werde, das die Finanzindustrie als Ideallösung für Privatanleger in großem Maßstab verkauft. Hoffentlich verstehen alle ETF-Investoren, was sie da im Depot haben. Ich bin jedenfalls froh, dass ich mich von ETFs getrennt getrennt habe.


Aber zurück zum Thema. Dass auch SES und APA Group unter den möglichen Verkaufspositionen waren, ist letztlich dem Zufall geschuldet. Zu dem Zeitpunkt gehörten die beiden Aktien eben zu den 10 Depotwerten mit der niedrigsten Marktkapitalisierung. Endgültig verkauft wurden dann ja vier andere Aktien, was ich jeweils nachvollziehbar in diesem Beitrag zum Start ins Jahr 2018 begründet habe. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, einfach nur die Aktien mit der geringsten Dividendenzahlung zu verkaufen, wie zum Beispiel Nike. Damit liefe ich Gefahr, am Ende nur noch wachstumsschwächere Unternehmen mit wenig Dividendensteigerungspotenzial im Depot zu halten. Meine Dividendeneinnahmen sollten aber möglichst auch nach Abschluss der Depotaufbauphase, wenn ich die Dividenden verbrauche, weiter wachsen.

Im Übrigen stehe ich auch heute nach wie vor zu meiner Analyse des Satellitenbetreibers SES und glaube, dass die aktuellen Aktienkurse eine gute Einstiegsgelegenheit darstellen. Ich selbst habe von einem Nachkauf allerdings vorerst Abstand genommen. Denn nach Auswertung der Dividendeneinnahmen 2017 musste ich feststellen, dass von SES allein 4% meiner gesamten Dividenden abhängen. Das erscheint mir schon riskant genug. Mein Plan ist nun, die Aktie weiter zu halten. Falls es aber zu einer Kürzung oder Streichung der Dividende kommen sollte, greift meine Verkaufsregel. Ganz einfach weil ich dann mit meiner Analyse von SES und dem Satellitengeschäft falsch gelegen hätte.

Nicht vollkommen rational und für Dritte nachvollziehbar, das muss ich zu guter Letzt einräumen, waren schließlich meine Nachkäufe, wie unter anderem des australischen Pipelinebetreibers APA Group. Ich leide nämlich an einem persönlichen Spleen: Die Stückzahl meiner einzelnen Depotunternehmen soll möglichst rund und schön sein. Zum Beispiel lagen 70 Aktien von Procter & Gamble im Depot. 70, was für eine schreckliche Zahl! Jetzt sind es 100 und mir geht es viel besser. Und so habe ich die liquiden Mittel aus meinen Verkäufen zum Teil genutzt, um Aktien mit schwächeren Kursverläufen in den vergangenen Monaten quasi aufzurunden. Das ist sicherlich kein besonders durchdachtes und perfektes Anlegerverhalten. Aber ich armer Charlie bin auch nur ein ganz normaler Mensch mit Fehlern und Schwächen und berichte hier ehrlich und authentisch über meine realen Aktientransaktionen. Klartext eben.

Kommentare:

  1. Moin armer Charlie,
    was weniger nachvollziehbar ist die Veräußerung von Coty. Das Unternehmen hat eine große Anzahl von Marken zugekauft und damit seine Marktkapitalisierung deutlich gestärkt. Das Unternehmen hat schon vor deinem Kauf klar und deutlich gesagt, dass es etwa fünf Jahre benötigt, um die Marken vollständig zu integrieren. Ein gewöhnlicher Prozess bei einem so großen Zukauf. Warum gibst du dem Unternehmen gerade mal ein halbes Jahr und sprichst von langfristigen Investieren? Die JAB Holding, also der Hauptinhaber von Coty, hat klar betont, dass sie sich von Coty deutlich mehr versprechen als von Reckitt Benckiser. Aus diesem Grunde wird die Position von Coty verstärkt und einzelne Anteile von RB nach und nach veräußert. Du setzt weiterhin auf RB, wirfst aber Coty aus deinem Portfolio. Hier fehlt mir etwas Transparenz? Sind die temporären Zahlen ausschlaggebend, die bedingt durch die große Übernahme von Coty schlechter ausfallen?
    Wir sprechen hier von Produkten des täglichen Bedarfs und von einem Unternehmen mit über 100 Jahren solider Firmentradition. Ist dieser Verkauf emotional getrieben? Gute Invests, besten Gruß Frank

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    1. Hallo Frank,

      für den Verkauf von Coty waren nicht die temporären Zahlen ausschlaggebend, sondern die Aktie hat von Anfang an nicht in meine Strategie gepasst. Das habe ich in diesem Beitrag begründet:
      http://www.armercharlie.de/2018/01/mein-dividendendepot-zum-start-ins-jahr.html

      Beste Grüße,
      Charlie

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  2. hallo charlie :) was sagst du zu südzucker? :)

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    1. Hallo Daniel,

      Südzucker erfüllt mein Qualitätskriterium von mindestens 10 Jahren stabiler oder steigender Dividende nicht. Die Aktie ist daher für mich nicht interessant.

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  3. ganz herzlichen Dank für diese ausführliche Rückmeldung auf meinen Kommentar!

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  4. Hallo Charlie,

    es freut mich zu lesen, dass ich nicht der einzige mit einem derartigen „Spleen“ bin. Bei mir müssen es zwar nicht gleich volle Hunderter sein, aber eine runde Stückzahl nebst einem möglichst glatten Kaufkurs wären schon schön. Bin also voll bei dir, wenn es um derart irrationale Kaufentscheidungen geht. ;-)

    - David

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  5. Hallo Charlie,

    deine "Spleen" finde ich amüsant und auch nachvollziehbar. Solang dir bewusst ist das es kein besonders durchdachtes und perfektes Anlegerverhalten ist, ist das gut.
    Ich wollt dich mal fragen, wie deine Konzentration innerhalb des Portfolios ist? Haben alle deine Titel ca. die gleiche Gewichtung oder verteilt sich ein Großteil deines Portfolios auf eine Handvoll Titel? Ich persönlich merke nämlich, dass ich bis 20 Titel eng verfolgen kann. Danach wird es schon kritisch.

    Gruß, Till

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    1. Hallo Till,

      der Depotanteil der einzelnen Aktien liegt aktuell etwa zwischen 1,1% und 3,6%. Genaueres dazu in diesem Beitrag:
      http://www.armercharlie.de/2018/01/mein-dividendendepot-zum-start-ins-jahr.html
      Ich strebe schon an, kleine Positionen nachzukaufen, um eine gleichmäßigere Verteilung herzustellen, aber nicht um jeden Preis. Und eine ausgewogene Verteilung der Dividenden auf Branchen und Länder ist mir wichtiger.

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  6. Hallo Charlie,

    jeder hat seinen Spleen. Ich versuche möglichst "ganze" Tausender je Unternehmen zu investieren, dabei ist mir wiederum die glatte Aktienanzahl egal. Vielleicht runde ich das Ganze zur Verbrauchsphase hin ab.
    Ein Depot lebt mit seinem Eigentümer und letztlich muss man sich wohl fühlen. Ich habe auch ein paar Werte, die ich wahrscheinlich dieses Jahr austausche, einfach weil die Dividende und die Steigerung derselben langsam uninteressant werden. Nicht weil die Unternehmen schlecht sind, aber ich rechne nun mal nicht mehr in Jahrzehnten sondern in Jahren. Mir sind meine 56 Werte momentan auch etwas zu viel, ein paar weniger taugen auch.

    Alexander

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  7. Hallo Charlie,

    zu deinem Thema: "Klartext, Charlie!", würde es sich anbieten, wenn du mal über ein mögliches Crashszenario redest. Du bist ja zuerst seit 2008 in Aktien investiert. Also hast du bis jetzt ja noch keinen Crash mitgemacht. Wie sieht da deine Strategie, Regel aus. Mit Sicherheit kannst du da ja dann nicht die Firmen rauswerfen, wie du es jetzt aktuell handhabst, bei einer Kürzung der Dividende. Schreib dazu doch mal etwas. Die Vergangenheit hat ja gezeigt irgendwann wird wieder ein Crash kommen.

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    1. Hallo Thomas,

      da ich 2008 und 2009 investiert war, habe ich durchaus schon einen Crash mitgemacht! Und ich halte an meiner Anlagestrategie einschließlich dem Verkauf von Aktien bei Dividendenkürzung fest. Meine Depotunternehmen habe ich in der Überzeugung gekauft, dass die Geschäftsmodelle auch Rezessionen und Crashs überstehen und die Dividenden zumindest stabil gehalten werden können. Sollte sich das als falsch herausstellen, dann fliegen die Aktien zurecht aus meinem Depot.

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  8. Hi Charlie,
    hast du schon eine Idee, wie du mit SES weiter verfährst? Ich habe SES schon länger auf meiner Beobachtungsliste und momentan bricht es einfach nur ein. Hängt das nur mit dem Vorstandswechsel zusammen? Wie bewertest du aktuell SES?
    Gruß
    Andreas

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    1. Hallo Andreas,
      danke für den Hinweis auf den Vorstandswechsel bei SES. Die näheren Gründe kenne ich nicht, aber die Unternehmensmitteilung klingt nach einem freundlich formulierten Rauswurf. Ich werde meine Aktien trotzdem weiter halten und abwarten, was mit der Dividende passiert. Ein Neueinstieg wäre mir inzwischen zu unsicher, SES ist durch seine ungeschickte Kommunikation zu einem Spekulationsobjekt mit starken Kursausschlägen geworden. Am 23. Februar, wenn das Jahresergebnis veröffentlicht wird, wissen wir hoffentlich mehr.
      Viele Grüße,
      Charlie

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